Seit 26 Jahren begleiten mich diese Webinterfaces, die ihrer Zeit chronisch hinterherhinken. Unabhängig von der Rolle fühlt es sich immer an wie Strafarbeit. Warum? Weil ein System, das Intelligenz verwaltet, selbst keine besitzt.

In der Beratung wollen Kunden Transparenz, doch das System erzwingt das Gegenteil. Wir sollen Arbeit in künstliche Zwei-Stunden-Blöcke pressen, damit keine Fragen aufkommen. Ganze Tage zu rechnen und dem Experten die Ausgestaltung zu überlassen, wäre logisch – stattdessen zwingt man uns zur Intransparenz, um Transparenz vorzutäuschen. Realitäten wie „Reisezeit“ oder der Overhead der „Zeiterfassung“ selbst sind oft tabu. Die implizite Erwartung ist, dass der Mitarbeiter dafür seine Freizeit opfert.

Das ist weder sinnvoll noch effektiv. Es frustriert Entwickler, die den Rest des Tages komplexe Probleme lösen, und erzeugt keinerlei Mehrwert – weder für die Firma noch für den Kunden. Stattdessen werden weitere Mitarbeiter damit beschäftigt, manuell zu prüfen, ob die fiktiven Summen konsistent sind. In der modernen Arbeitswelt messen wir die Arbeit über Storypoints oder Ergebnisse. Aber das Messen von Leistung in Zeiteinheiten ist mathematischer Nonsens:

$$\frac{\text{Arbeitszeit}}{\text{Anwesenheitszeit}} = 1$$

Das Ergebnis ist eine dimensionslose Eins, der Erkenntnisgewinn somit Null.

Momo und die Grauen Herren vom Controlling

Im Kern ist dieser Konflikt der Kampf von Momo gegen die Grauen Herren. Bei Michael Ende reden die Zeitdiebe den Menschen ein, sie müssten jede „unnütze“ Minute einsparen, um sie für später auf ein Konto der Zeitsparkasse zu legen. Die bittere Ironie dabei: Je mehr Zeit die Menschen sparen, desto kälter, bleierner und leerer wird ihr Alltag. Die gesparte Zeit ist nicht etwa sicher verwahrt – sie wird von den Grauen Herren konsumiert, um ihre aschefarbenen Zigarren am Brennen zu halten.

Das moderne Controlling ist die personifizierte Zeitsparkasse. Es suggeriert, dass jede Minute, die nicht direkt in ein SAP-Projekt fließt, verloren sei.

Die Physik der Ineffizienz

In der Physik definieren wir Leistung als Arbeit pro Zeit ($P = \frac{W}{t}$). Wenn Unternehmer „Leistung“ fordern, meinen sie jedoch oft schlicht „Überstunden“. Das ist ein fataler Denkfehler. Die Arbeitspsychologie belegt längst, dass Überstunden ein Produktivitätskiller sind. Sie erhöhen die Fehlerquote und senken die Konzentration, bis die Netto-Arbeitsleistung stagniert oder sogar sinkt.

Viel aufschlussreicher ist hier die Analogie aus der Elektrotechnik. Dort setzt sich die Scheinleistung ($S$) – also das, was insgesamt „durch die Leitung fließt“ – aus der Wirkleistung ($P$) und der Blindleistung ($Q$) zusammen:

$$S = \sqrt{P^2 + Q^2}$$

Für den Geistarbeiter bedeutet das:

Das Management bezahlt die Scheinleistung ($S$), also das fette Paket auf der Rechnung. Doch je mehr Zeit wir in ineffizienten Tools versenken, desto größer wird $Q$. Der Phasenwinkel zwischen Absicht und Ergebnis verschiebt sich – wir verbrauchen Energie, ohne dass sich der Zähler der echten Arbeit bewegt.

Das Belohnungssystem der Ineffizienz

Große Unternehmen belohnen Ineffizienz. Ein klassischer Dilbert-Cartoon bringt es auf den Punkt: Der Manager fragt: „Wie lange brauchst du dafür?“ – Dilbert antwortet: „Eine Woche“, weiß aber, dass er in einem Tag fertig ist. Den Rest der Zeit verbringt er mit Doom. Da der Manager risikoscheu ist, meldet er nach oben einen Monat als Sicherheitsaufschlag. Über ein paar Hierarchiestufen hinweg wird so aus einem simplen Task ein halbjähriges Projekt-Monster.

Ich spiele kein Doom, arbeite aber gerne an Meta-Aufgaben: Ich schreibe diesen Blog oder entwickle Werkzeuge – wie etwa Playwright-Skripte, die meine Time Warrior-Daten automatisiert in die Zeiterfassung schaufeln.

Stephen Covey nannte das „Sharpening the Saw“. Wer vier Stunden lang mit einer stumpfen Säge auf einen Baum einprischt, gilt im SAP-System als „hochproduktiv“. Wer hingegen eine Stunde innehält, um die Säge zu schärfen (oder ein Tool schreibt), und den Baum danach in 30 Minuten fällt, erzeugt für das System ein Problem: Es registriert eine volle Stunde „Inaktivität“.

Pausen sind Arbeitszeit

Ein Kollege, der vom Maurer zum IT-Spezialisten umgeschult hatte, wunderte sich einmal über die ständigen Treffen am Kaffeeautomaten: „Wenn wir weniger quatschen würden, wären wir viel produktiver.“ Ein klassischer Kategorienfehler: Wer Mauern hochzieht, erbringt eine lineare, physische Leistung. Dort mag es stimmen, dass der Stein nur dann auf dem Stein landet, wenn die Kelle schwingt.

Geistarbeit ist jedoch nicht-linear: In ihrem Klassiker „Peopleware“ (Lister & DeMarco) weisen die Autoren nach, dass die produktivsten Phasen oft in Momenten entstehen, die von außen wie „Nichtstun“ aussehen. Das Gehirn benötigt diese Leerlaufzeiten, um im Hintergrund Lösungen zu konsolidieren. Die Wissenschaft nennt das den „Incubation Effect“: Während wir scheinbar untätig am Kaffeeautomaten stehen, arbeitet das Gehirn im Default Mode Network (Ruhezustandsnetzwerk) an der Lösung des Bugs, an dem wir uns zuvor zwei Stunden die Zähne ausgebissen haben.

Vom Buchhalter zum Modellierer

Was wir wirklich brauchen, ist eine neue Spezies im Management: Den Efficiency Controller. Jemand, der diesen Artikel nicht als Angriff, sondern als Anforderungsanalyse versteht. Sein Ziel ist nicht das Abgleichen von Soll- und Ist-Stunden, sondern das Aufspüren von systemischer Reibung.

Ein solcher Controller würde echte Metriken in echte Projekte bringen – und zwar nicht mit Excel-Tabellen, sondern mit Werkzeugen der System Dynamics . Er würde Tools wie ithink oder FOSS-Alternativen wie PySD und Insight Maker nutzen, um die Flüsse und Bestände von Wirkleistung und Blindleistung zu modellieren. Er würde untersuchen, wie sich ein schlechtes Tooling wie ein parasitärer Widerstand durch die gesamte Projektlaufzeit frisst.

Es wird Zeit, dass wir lernen, Effizienz zu modellieren. Am Ende des Tages zählt nicht, wie viele Stunden in einem Web-Interface stehen. Es zählt, ob wir die Säge geschärft haben oder ob wir nur so getan haben, als ob wir sägen, während die Zeitdiebe leise lachend unsere Lebenszeit konsumieren.

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