Stell dir vor, du wirst als Site Reliability Engineer (SRE) in der öffentlichen Verwaltung eingestellt, um ein System resilient und stabil zu machen. Du bringst Konzepte mit wie Error Budgets und Blameless Post-Mortems – mathematisch fundierte Feedbackschleifen. Doch in der Verwaltung prallst du gegen die Wand der „Lesbarkeit“. Die Forderung: „Übersetze SRE in ITIL-Begriffe, damit wir es verstehen.“
ITIL
ITIL entstand in den 1980er Jahren als notwendiger Versuch, das Chaos in Hardware-lastigen Rechenzentren zu bändigen. Es ist ein hervorragendes Framework für statische Infrastruktur. In der heutigen, API-getriebenen Cloud-Welt wird es jedoch oft als universelles Heilsversprechen genutzt, um hochdynamische Systeme mit starren Prozessen zu verwalten. Das führt unweigerlich zu Reibungsverlusten.
Wer SRE (eine Ingenieursdisziplin für verteilte Systeme) in reine ITIL-Prozesse presst, nimmt dem System seine Agilität.
Wie Governance wirklich funktioniert
Schon James Watt wusste 1788, wie man Systeme stabilisiert. Sein Fliehkraftregler (Governor ) für die Dampfmaschine ist das Ur-Modell der Kybernetik: Steigt der Druck und damit die Drehgeschwindigkeit, fliegen die Gewichte nach außen und drosseln den Dampf. Automatisch, in Echtzeit und ohne Meeting.

Maturana würde sagen: Das System ist autopoietisch – es erhält sich selbst durch interne Rückkopplung. ITIL hingegen baut den Regler ab. Man ersetzt die mechanische Kopplung durch ein Gremium (CAB), das wöchentlich darüber abstimmt, ob man das Ventil jetzt ein Stück zudrehen sollte. ITIL ist der Versuch, eine Dampfmaschine durch das Vorlesen von Protokollen vor der Explosion zu bewahren. Das kann nicht funktionieren, weil die Latenz des Managements immer größer ist als die Dynamik des Systems.
Das Nyquist-Shannon-Problem
Man kann das Problem mathematisch präzisieren. Wenn wir die Dynamik des Systems (Releases, Skalierung, Fehlerreaktionen) als Signal betrachten, besagt das Abtasttheorem, dass man mindestens mit der doppelten Frequenz der höchsten vorkommenden Frequenz messen muss, um das Signal getreu abzubilden.
- SRE: Arbeitet mit automatisierten Metriken im Sekundenbereich. Die Abtastrate ist hoch genug, um die Systemkurve flüssig zu steuern.
- CAB: Selbst bei zwei Sitzungen pro Tag liegt die „Abtastrate“ bei $f_s \approx 2,3 \cdot 10^{-5} \text{ Hz}$. Jedes Systemereignis, das schneller abläuft als der Meeting-Zyklus, ist für das CAB unsichtbar oder wird als verzerrtes Rauschen wahrgenommen. Die Latenz des Managements ist strukturell immer größer als die Dynamik des Systems. Ein CAB versucht im Grunde, ein HD-Video mit einem Standbild pro Woche zu verstehen.
Das historische Desaster: Forstwissenschaft in Preußen
Das kanonische Gegenbeispiel liefert James C. Scott in Seeing Like a State: Im späten 18. Jahrhundert wollten preußische Forstbeamte den Wald „lesbar“ machen. Ein natürlicher Wald war ihnen zu chaotisch: verschiedene Baumarten, Totholz, krumme Pfade – man konnte den Wert des Holzes nicht berechnen.
Die Lösung der Bürokraten
- Tabula Rasa: Der Mischwald wurde gerodet.
- Monokultur: Man pflanzte nur noch eine Sorte (meist Fichten), weil die schnell wuchsen.
- Geometrie: Die Bäume wurden in exakten Reihen gepflanzt.
- Säuberung: Unterholz und totes Holz wurden entfernt.

Kurzfristig war das Management begeistert. Man konnte den Holzertrag auf Jahre im Voraus in Excel-Tabellen (oder was man damals halt hatte) berechnen. Aber nach zwei Generationen starben die Wälder massenhaft ab. Ohne Unterholz, ohne die Vielfalt der Arten und ohne das lokale Wissen des Försters fehlte dem System die Resilienz. Schädlinge und Wind hatten leichtes Spiel. Das System war fragil geworden.
Der Kampf um die „Lesbarkeit“
Wir erleben wir hier den Krieg zweier Wissensformen:
- Techne (gr. Τέχνη): Das Wissen der Handbücher. Universell, statisch, zentralisierbar. Es liebt Produktevaluierungen und Zeiterfassung. Es ist „lesbar“ für die Zentrale, aber blind für die Realität.
- Mētis (gr. Mῆτις): Die listige Klugheit. Praktische Erfahrung, Intuition, das „Fingerspitzengefühl“.
Der Versuch, IT-Infrastruktur ausschliesslich über Techne (Tools, Lizenzen, starre Frameworks) zu steuern und dabei die Mētis (die Erfahrung der Engineers) zu übergehen, führt zu digitalen Monokulturen.
Hinweis
Das preußische Paradoxon: Auftragstaktik vs. IT-Governance Es ist eine bittere Ironie: Die IT-Governance kopiert die preußische Forstwirtschaft (Monokultur), ignoriert aber die preußische Auftragstaktik (Autonomie). In der Auftragstaktik definiert der Stab die Absicht; die Details der Umsetzung der einzelnen Befehle bleibt dem Ermessen der Truppenführer vor Ort überlassen. Mein Taktiklehrer an der Offiziersschule hatte es so ausgedrückt: “Ein Batallion kannst du auf der Rückseite eines Bierdeckels führen. Die Kompaniechefs müssen viel mehr Details im Blick haben.”
Der Trugschluss der Abstraktion
Dieser Konflikt zeigt sich besonders deutlich bei der Einführung hochkomplexer Abstraktionsschichten wie Kubernetes oder grosser Enterprise-Plattformen. Oft wird versucht, mangelnde interne Systemstabilität durch den Kauf teurer, vollumfänglicher Enterprise-Suiten (die “Silver Bullet”) zu heilen.
Das ist der Versuch, Lesbarkeit zu erkaufen: Man investiert in Dashboards, die Kontrolle suggerieren, und in Support-Verträge, die Sicherheit versprechen. Doch diese Rechnung geht selten auf. Man kann Mētis – das architektonische Können und das tiefe Systemverständnis der eigenen Mitarbeiter – nicht durch Support-Verträge oder noch mehr Abstraktionsschichten ersetzen. Wahre Stabilität (Antifragilität) entsteht durch exzellentes Engineering und Automatisierung, nicht durch das Outsourcing der eigenen Kernkompetenz.
Zurück zur Naturverjüngung
Wir müssen aufhören, so zu tun, als ob traditionelles IT-Service-Management und SRE austauschbar wären. Sie lösen unterschiedliche Probleme in unterschiedlichen Epochen der IT. Klassische Governance verwaltet den Zustand und minimiert Risiko durch Kontrolle. SRE gestaltet die Dynamik und minimiert Risiko durch Automatisierung und kontinuierliches Lernen.
In der modernen Forstwirtschaft hat man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Man ist weg von der Monokultur, zurück zur Naturverjüngung des Waldes. Man lässt den Wald wieder ein komplexes Ökosystem sein, weil man begriffen hat, dass es sich so am besten selbst gegen Krisen wappnet.
Diesen Wandel müssen wir auch in der IT-Architektur vollziehen. Wer stabile Systeme will, muss seinen Ingenieuren die Autonomie (und die Werkzeuge) geben, diese Systeme antifragil zu bauen, anstatt digitale Fichten in Reih und Glied zu pflanzen, die beim nächsten Sturm umfallen.
Quellen und Links
-
Seeing Like a State von James C. Scott: Die fundamentale Analyse über das Scheitern von Monokulturen und den Kampf zwischen Techne und Mētis.
-
Die Logik des Misslingens von Dietrich Dörner: Warum intelligente Menschen in komplexen Systemen (wie der Kantons-IT) zwangsläufig falsch entscheiden.
-
Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen : von Nassim Nicholas Taleb: Die Erklärung, warum ITIL-Bürokratie Systeme fragil macht und warum SRE der einzige Weg zur Resilienz ist.
-
Der Baum der Erkenntnis von Humberto Maturana & Francisco Varela: Das Standardwerk zur Autopoiesis – unverzichtbar, um die Selbsterhaltungstriebe von Behörden zu verstehen.
-
Einführung in die Systemtheorie von Niklas Luhmann: Die Vorlesungsskripte des Meisters – der beste Einstieg, um die „Blindheit“ funktional differenzierter Abteilungen (wie Security vs. Engineering) zu begreifen.
Kommentare