Einige meiner ehemaligen Vorgesetzten gaben mir zu verstehen, dass sie Scrum als Framework verstünden, von dem man sich nach Belieben Methoden und Praktiken herausnehmen könne. Dieses Verständnis führt in eine völlig andere Richtung, als die ursprüngliche agile Idee vorgegeben hatte. Anstatt dem Team die vollständige Verantwortung zu übergeben, muss jeder einzelne beim Chef zum “Bilateralen” antreten, die Daily Standups verkommen zu Rechtfertigungsgestammel und wiederholen nur wortreich, was im Dashboard sowieso steht, nämlich “in Arbeit”.

Die perfekte Blaupause für dieses Phänomen lieferte der Philosoph Michel Foucault in seinem Werk Überwachen und Strafen. In Kapitel 3, Das Panopticon beschreibt er die Gefängnisarchitektur Jeremy Benthams: Ein ringförmiges Gefängnis mit einem zentralen Wächterturm.

Die kubanische Gefängisruine Presidio Modelo ist die Inkarnation des Panopticons. (Bild: Wikipedia)

Das Prinzip ist simpel: Die einzelnen Zellen sind auf zwei Seiten durchsichtig, so dass vom Wachturm jede Zelle eingesehen werden kann. Der psychologische Trick dabei ist, dass es lediglich einen einzelnen Wächter braucht, weil der einzelne Häftling nie sicher sein kann, ob er gerade beobachtet wird oder nicht. Die bloße Möglichkeit der Kontrolle reicht aus, damit die Gefangenen die Überwachung verinnerlichen und sich im vorauseilenden Gehorsam selbst disziplinieren.

Go Jira

Nach Foucault ließe sich dasselbe Prinzip auch auf Krankenhäuser, Arbeiter und Schüler anwenden. Und genau das passiert auch. Allerdings brauchen wir für diesen Effekt keine Wächtertürme und Betonmauern mehr. Wir haben digitale Dashboards, Jira-Tickets, persönliche KPIs und lückenlose Status-Updates. Wir haben das Panopticon komplett digitalisiert: Statt auf die Ergebnisse des Mitarbeiters im Home Office zu schauen, wird auf den Online-Status in MS Teams geachtet. Kein Update im Jira bedeutet mangelnde Arbeitsdiziplin (wobei mir als Entwickler ja eher ein Blick in das Git-Repository mehr Aufschluss geben würde, aber das ist eine andere Geschichte).

Gerade dieser “Teams-Knast” torpediert jede echte Teamarbeit. Das ist der zweite, oft übersehene Geniestreich des Panoptikums: Die Insassen sind durch die Seitenwände voneinander isoliert. Das macht Kommunikation mit dem Zellennachbarn, Solidarisierung und natürlich Ausbruchspläne unmöglich. Übertragen auf das Büro heißt das: Jeder starrt isoliert in seinen eigenen Ticket-Tunnel. Horizontale Zusammenarbeit – das eigentliche Herzstück agiler Softwareentwicklung – wird systematisch zerschlagen.

Dass wir dieses Setup überhaupt akzeptieren, liegt an unserer Schulbildung. Auch dort steht die Überwachung der Einzelleistung über allem; gegenseitige Hilfe gilt als “Abschreiben”. Wir werden früh auf Isolation konditioniert. Die volle Punktzahl erreichte ich in meiner gesamten Schullaufbahn genau ein einziges Mal – in dem einzigen Fach, das auf projektorientierte Gruppenarbeit setzte.

Jawohl, Herr Feldwebel!

Das Gegenmodell liefert ausgerechnet das Militär: Der Ruf von “Befehl und Gehorsam” ist aus dem zivilen Verständnis nicht wegzubringen. Dabei hatten bereits die preußische Armee und viele weitere Militärstrategen danach die so genannte Auftragstaktik entwickelt. Auch im Feuerwehrdienst ist diese lange etabliert. Die Idee ist, dass die Führung ihre Strategie mit den untergeordneten Teileinheitsführern teilt. Sie gibt die Idee vor, die Absicht und im besten Fall auch eine Begründung.

Der Vorgesetzte lässt sich, sofern zweckmäßig vom Untergebenen beraten. (Aus dem “Leitfaden für Vorgesetzte” der deutschen Bundeswehr)

Der Kommandeur gibt mit dem Befehl eine Orientierung zur Lage und die Absicht der übergeordneten Führung. Das ist transparenter, als es in vielen Firmen praktiziert wird. Denn der Offizier weiß ganz genau, dass er in der praktischen Umsetzung nie mit dem erfahrenen Unteroffizier konkurrieren kann. Seine Aufgabe ist das Was, nicht das Wie. Viele IT-Manager hingegen verwechseln ihre formale Position mit fachlicher Allwissenheit. Wenn sie dann prozessuale Kontrolle über technische Expertise stellen, trifft akademische Überheblichkeit auf völliges Unverständnis für die Basis.

Leben und töten lassen

Die Befehlstaktik, wie sie in der sowjetischen Doktrin bis heute gelebt wird und die aktuell abertausende russische Soldaten das Leben kostet, kommt hier im zivilen Tarnanzug. Mit Metriken bewaffnete Manager gehen auf Untergebene los, ohne Einhaltung der Haager Landkriegsordnung. Messwerte, die eigentlich den Fortschritt des Teams aufzeigen sollen, werden zur Schikane des Individuums verwendet. Fachliche Substanz sucht man in diesen Bilateralen vergeblich: Allzu oft wird hinter Nebelkerzen und Rauchgranaten (ich habe möglicherweise doch zu viel Zeit auf dem Truppenübungsplatz verbracht) ein Feedback gegeben, das weder hilfreich noch zielführend ist.

Fazit: Die eingebettete Diktatur

Was bleibt von der großen agilen Revolution übrig? Ein System, das auf fundamentalem Misstrauen basiert, verliert genau das, was es überlebensfähig macht: ihre Antifragilität.

Ein System, das keinen Spielraum für echte Auftragstaktik lässt, kann auf Stress und Unvorhergesehenes nur noch mit noch strengeren Regeln reagieren, bis es irgendwann unter der eigenen bürokratischen Last zusammenbricht.

Wir empören uns gerne und völlig zu Recht über totalitäre Überwachungsstaaten und verurteilen Autokratien. Sobald wir aber morgens den Laptop aufklappen, loggen wir uns widerstandslos in eine Infrastruktur ein, die Benthams Panoptikum locker in den Schatten stellt.

Wir leben nicht in einer politischen Diktatur. Aber wir haben die Diktatur tief und flächendeckend in unseren Arbeitsalltag eingebettet.

Kommentare

Suche starten

Geben Sie Schlüsselwörter ein, um Artikel zu suchen

↑↓
ESC
⌘K Tastenkürzel