Neulich kam mal wieder in einem Job-Interview die Frage: “Wie gehen Sie mit Stress um?”. Inzwischen kann ich den Impuls unterdrücken, nachzufragen, wie man denn in der IT Stress haben kann (Außer vielleicht man lebt im Silo ).

Ich habe in den letzten 10 Jahren Feuerwehrdienst geleistet, war im Wasserrettungsdienst und Katastrophenschutz unterwegs. Der Vergleich zwischen der Situation “Ich stehe mit meinem Angriffstrupp in einer brennenden Industriehalle im dichten schwarzen Qualm.” oder “Wir versuchen gerade eine Reanimation an einem Menschen, während die Familienmitglieder panisch drumherum laufen.” und der Situation “Der Service ist komplett down. Die Boulevardpresse berichtet bereits.” lässt sich nicht seriös einen Zusammenhang herstellen.

Vergiss die Soft-Skills. Hier ist das AAB-Schema, um handlungsfähig zu bleiben.

1. Atmungskontrolle sollte deine oberste Priorität sein. Das ist reine Biomechanik: Kontrollierte Atmung zwingt das Nervensystem physisch dazu, den Parasympathikus zu aktivieren. Du fährst die Drehzahl runter und holst dir buchstäblich die Kontrolle über deinen präfrontalen Kortex – also das logische Denken – zurück. Etliche meiner eigenen Stresssituationen fanden bei der Feuerwehr unter Atemschutz statt oder unter Wasser jenseits der für Sporttaucher empfohlenen Tiefen. Da kann jeder deinen Atem laut und deutlich hören, und hektische Atmung kann den Druckminderer zum Einfrieren bringen.

2. Auftrag: Du hast eine Mission. Jede Beschäftigung mit dir selber hält dich davon ab. Das ist auch der Grund, warum Einsatzkräfte im Ernstfall ernst und fokussiert bei der Sache sind. Das Adrenalin verschafft dir aber auch den Tunnelblick: Deswegen solltest du auch immer deine Umgebung checken, ob nicht irgendwo weitere Gefahren drohen.

3. Buddies: Du bist nicht allein und eventuell hast du als Truppführer auch die Verantwortung für deine Kollegen. Halte inne und führe einfache Checks wie Luftvorrat oder Wohlbefinden durch. Fürsorge schafft Respekt, und allein kannst du den Auftrag nicht bewältigen.

Viele Strategien

Meine Strategie ist nur eine von vielen – entstanden aus der Notwendigkeit im Einsatz. Wer tiefer in erprobte Frameworks eintauchen will, wird schnell auf ähnliche Konzepte stoßen. Eines ist Recognition-Primed Decision Making (RPD) von Gary Klein. Er hat untersucht, wie Einsatzleiter der Feuerwehr unter extremem Zeitdruck entscheiden. Sie vergleichen keine Pro- und Contra-Listen. Sie erkennen Muster aus ihrer Erfahrung und setzen sofort die erste funktionierende Lösung um.

Die “10 für 10” Regel aus der Notfallmedizin besagt, dass man 10 Sekunden innehalten und den Plan für die nächsten 10 Minuten fassen soll. Siehe dazu auch meine Artikel über taktische Medizin.

Das Prioritize and Execute-Prinzip von Jocko Willink stammt aus dem Ausbildungsprogramm der Navy SEALs. Wenn im Feuergefecht alles gleichzeitig schiefgeht, ist der menschliche Reflex, alles gleichzeitig lösen zu wollen. Das blockiert dich. Deshalb suche erst ein primäres Ziel und löse nur dieses. Dann das nächste.

Die Autoren Weick & Sutcliffe haben untersucht, warum Organisationen wie Flugzeugträger, Feuerwehren oder Atomkraftwerke trotz extremem Dauerstress so selten katastrophal versagen. Eines der fünf Kernprinzipien heißt Deference to Expertise (Respekt vor der Fachkompetenz). Im Normalbetrieb gilt die Hierarchie. In der Krise dreht sich die Befehlskette sofort um, und der Ranghöchste ordnet sich bedingungslos der Person mit dem größten technischen Detailwissen unter. Oder, um es auf eine Formel zu bringen:

Wenn die Hütte brennt, kommandiert nicht das Organigramm, sondern die Fachkompetenz.

Fazit

Mein AAB-Schema (Atmung, Auftrag, Buddies) funktioniert für mich und es ist kompatibel zu den Erkenntnissen der genannten Studien. Wer beabsichtigt, sich öfter als der Durchschnittsmensch unter Stress zu begeben, wird sich sicher aus den Bausteinen sein eigenes Schema erstellen. Es muss ja zu dir passen.

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