Schon die antike griechische Mathematik stand vor genau diesem Problemchen: Die Wurzel aus Zwei ($\sqrt{2}$) ließ sich zwar wunderbar mit Zirkel und Lineal konstruieren, aber partout nicht als Bruch darstellen.

Wenn ich nur mit Bruchzahlen (den rationalen Zahlen $\mathbb{Q}$) arbeiten, aber trotzdem alle Probleme lösen will, die irgendwas mit Diagonalen zu tun haben, möchte ich mir vielleicht nicht gleich das ganze Gesumms mit reellen Zahlen und Cauchy-Folgen einfangen. Auch wenn Dedekind und Galois damals noch gar nicht geboren waren, hätte man einfach die Wurzel aus Zwei zu den Brüchen dazunehmen können.

In jedem Lehrbuch und in zahllosen Videos kann man sich die Körperaxiome vorkauen lassen. Da ist für jedes Level etwas dabei. Wir machen das hier anders. Wir gehen zurück in die mathematische Steinzeit.

Die Frage ist nämlich nicht, welche abstrakten Regeln wir auswendig lernen müssen. Sondern: Was ist das absolute Minimum an Werkzeugen, das wir brauchen, um die Grundrechenarten unfallfrei zu konstruieren – und vor allem, um sie jederzeit wieder rückgängig machen zu können?

Wir wollen addieren und multiplizieren, das sind die beiden Grundrechenarten. Damit dieses System niemals kollabiert, brauchen wir die Null (das Nichts der Addition), die Eins (das Nichts der Multiplikation) und für jede Zahl ein exaktes Gegenteil. Packt man noch eine einzige Regel dazu, wie sich Plus und Mal miteinander vertragen, hat man das Überlebenspaket zusammen. Die Mathematiker nennen diesen minimalen Rucksack einen Körper.

Ach ja: In der Schule lernt man vier Grundrechenarten. Auf der Uni erfährst Du als Erstes, dass es eigentlich nur zwei gibt. Pech gehabt – die Hälfte vom Schulwissen ist damit im Grunde für die Tonne. Das zieht sich ohnehin wie ein roter Faden durchs ganze Studium.

„Sie haben in der Schule sicher gelernt, dass [beliebiger Sachverhalt]. Das ist natürlich völliger Quatsch.“ — Jeder Prof, immer.

Etwas Übung

Von nix kommt nix. Man muss die Sachen auch mal selbst in die Hand nehmen. Oder wie Carl Runge sinngemäß sagte:

„Klavierspielen lernt man bekanntlich nicht durch den Besuch von Konzerten.“

Also, spuck mal kurz in die Hände und rechne selbst nach, ob unser neuer Steinzeit-Rucksack auch wirklich hält, was er verspricht. Wenn wir behaupten, dass $\mathbb{Q}(\sqrt{2})$ ein Körper ist, dann muss das Ergebnis einer Multiplikation ja auch wieder exakt in diesem Rucksack landen.

Deine Aufgabe: Multipliziere $(1 + 2\sqrt{2})$ mit $(3 - \sqrt{2})$. Bleibt das Ergebnis in der Form $a + b\sqrt{2}$?

Lösung anzeigen $$ (1 + 2\sqrt{2}) \cdot (3 - \sqrt{2}) = 1 \cdot 3 - 1 \cdot \sqrt{2} + 2\sqrt{2} \cdot 3 - 2\sqrt{2} \cdot \sqrt{2}$$$$= 3 - \sqrt{2} + 6\sqrt{2} - 2 \cdot 2$$$$= 3 + 5\sqrt{2} - 4 = -1 + 5\sqrt{2}$$

Jo, passt. Das Ergebnis ist $-1 + 5\sqrt{2}$. Da sowohl $-1$ als auch $5$ saubere Brüche aus $\mathbb{Q}$ sind, ist die Mission erfüllt: Wir sind nicht aus unserem neuen Körper herausgefallen.

Wer nach dieser Rechnerei jetzt Blut geleckt hat und wissen will, warum sich die Mathematiker damals diesen ganzen Kram überhaupt ausgedacht haben, dem lege ich das Buch „Zahlen“ ans Herz.

Cover: Zahlen
Zahlen
Ebbinghaus, Hermes, Hirzebruch et al.
Die Schwierigkeit Mathematik zu lernen und zu lehren ist jedem bekannt, der einmal mit diesem Fach in Berührung gekommen ist. Begriffe wie “reelle oder komplexe Zahlen, $\pi$” sind zwar jedem geläufig, aber nur wenige wissen, was sich wirklich dahinter verbirgt. Die Autoren dieses Bandes geben jedem, der mehr wissen will als nur die Hülle der Begriffe, eine meisterhafte Einführung in die Magie der Mathematik und schlagen einzigartige Brücken für Studenten.

Das ist kein trockenes Definition-Satz-Beweis-Gerippe, sondern liefert richtig starken historischen Kontext. Friedrich Hirzebruch kenne ich noch aus dem Mathe-Grundstudium in Bonn. Der gehört exakt zu den Leuten, die die mathematischen Grundlagen einfach einmal komplett durchgespielt haben. Wenn solche Kaliber erklären, wie unser Zahlensystem entstanden ist, versteht man das große Ganze.

Die vergessenen Divisionen

Vor und während des Mathe-Studiums habe ich meine Zeit bei der 3. bzw. bei der 7. Panzerdivision der Bundeswehr verbracht. Die sind längst restlos aufgelöst worden – mal gucken, ob mich das zum Experten für die Division mit und ohne Rest macht.

Wir haben für unser Survival-Kit festgelegt: Zu jeder Zahl muss es ein Gegenteil für die Multiplikation geben – den Kehrwert. Wir müssen also unfallfrei teilen können.

Nehmen wir als Beispiel die Zahl $3 + \sqrt{2}$. Der Kehrwert ist simpel: $\frac{1}{3 + \sqrt{2}}$.

Das Problem: Das sieht absolut nicht aus wie unser gefordertes Standardformat $a + b\sqrt{2}$. Die Wurzel klebt unten im Nenner fest. Um die dort wegzuschießen, bedienen wir uns eines dreckigen kleinen Tricks aus der Mittelstufe: der dritten binomischen Formel. Wir erweitern den Bruch einfach schlau. Deine Aufgabe:

Den Nenner wurzelfrei machen

Wir multiplizieren den Bruch oben und unten einfach mit dem exakten Gegenspieler des Nenners, dem sogenannten Konjugierten $(3 - \sqrt{2})$:

$$\frac{1}{3 + \sqrt{2}} = \frac{1 \cdot (3 - \sqrt{2})}{(3 + \sqrt{2}) \cdot (3 - \sqrt{2})}$$

Unten im Nenner greift jetzt die dritte binomische Formel $(x+y)(x-y) = x^2 - y^2$. Das ist der Moment, in dem sich die Wurzel selbst eliminiert:

$$= \frac{3 - \sqrt{2}}{3^2 - (\sqrt{2})^2} = \frac{3 - \sqrt{2}}{9 - 2} = \frac{3 - \sqrt{2}}{7}$$

Jetzt ziehen wir den Bruch nur noch sauber auseinander:

$$= \frac{3}{7} - \frac{1}{7}\sqrt{2}$$

Jo, passt wieder. Unser $a$ ist $\frac{3}{7}$ und unser $b$ ist $-\frac{1}{7}$. Beides blitzsaubere Brüche aus $\mathbb{Q}$. Die Division funktioniert, wir haben unser Format gerettet und sind nicht aus unserem neuen Körper herausgefallen.

Computer lieben endliche Körper

Bisher haben wir uns mit Brüchen und Wurzeln herumgeschlagen, die im Zweifelsfall unendlich viele Nachkommastellen haben. Das ist schön für Theoretiker, aber in der digitalen Welt hassen wir das Unendliche. Speicherplatz ist endlich, Register haben feste Breiten (etwa 8, 32 oder 64 Bit), und wenn ein Byte voll ist, ist es voll.

Hier betritt Évariste Galois die Bühne. Der Typ war ein französisches Mathe-Genie und wurde mit nur 20 Jahren in einem Duell erschossen – Mathematik war früher offenbar ein echter Kontaktsport. Galois hat bewiesen, dass unser Überlebens-Rucksack mit den strengen Körperaxiomen nicht nur für unendliche Zahlenmengen funktioniert, sondern auch für strikt begrenzte, sprich: endliche Mengen. Man nennt das heute Galois-Felder oder endliche Körper. (In der englischen Fachsprache heißen Körper “Field”, warum auch immer.)

Für die digitale Welt ist speziell der Körper $GF(2^n)$ der absolute Heilige Gral. Warum die Basis 2? Weil Computer tief im Maschinenraum nur 0 und 1 kennen. Wer schon mal ein bisschen auf Bitebene programmiert hat, wird jetzt grinsen: In $GF(2^n)$ ist die Addition nämlich nichts anderes als ein primitives, rasend schnelles logisches XOR (Exklusiv-Oder). Es gibt keinen lästigen Übertrag, der die CPU ausbremst. Eins plus Eins ist hier einfach Null. Fertig.

Ohne diese diskreten Körper würde unser digitaler Alltag sofort kollabieren. Der Verschlüsselungsstandard AES, der dein Online-Banking absichert, rechnet bei jedem Schritt komplett in $GF(2^8)$ (also genau in einem 8-Bit-Byte). Und auch die Fehlerkorrektur, die dafür sorgt, dass dein QR-Code trotz Kaffeefleck noch lesbar ist, basiert exakt auf dieser Mathematik.

Die Regeln bleiben exakt dieselben wie bei unserer Panzerdivision und der $\sqrt{2}$, wir haben sie nur in einen digitalen, bitgenauen Käfig gesperrt.

Der digitale Speed-Hack: Primitive Einheitswurzeln

Wenn wir jetzt von unseren unendlichen Brüchen rüber in die digitale Welt der Galois-Felder ($GF$) hüpfen, haben wir ein Problem: Computer sind zwar schnell, aber sie hassen komplizierte Aufgaben wie die Polynomdivision, die man eigentlich für die Multiplikation in diesen Körpern bräuchte. Wenn dein Handy jedes Mal eine komplexe Division durchführen müsste, nur um eine Nachricht per AES zu verschlüsseln, wäre der Akku ruckzuck leer.

In fast jedem dieser endlichen Körper gibt es ein spezielles Element – nennen wir es $\alpha$ – das wie ein magischer Generator funktioniert. Wenn du dieses $\alpha$ immer wieder mit sich selbst multiplizierst ($\alpha^1, \alpha^2, \alpha^3, \dots$), triffst du nacheinander jedes einzelne Element im Körper (außer der Null), bis du wieder bei der $1$ landest.

Der Witz für die Informatik ist jetzt folgender: Der Computer speichert einfach eine kleine Tabelle (eine sogenannte Log-Tabelle), in der steht, welches Element zu welcher Potenz von $\alpha$ gehört.

Ohne diesen “Hack” mit den Einheitswurzeln würde weder dein Online-Banking noch die Fehlerkorrektur auf einer zerkratzten CD flüssig funktionieren. Wer wissen will, wie man so einen Körper mit 4 oder sogar 256 Elementen (wie bei der CD) Schritt für Schritt per “Sudoku-Logik” konstruiert, dem empfehle ich dringend das Video von Edmund Weitz .

Zurück zu den Wurzeln

Am Ende schließt sich der Kreis. Die Struktur bleibt immer die gleiche: Ein Körper ist das absolute Minimum, damit die Logik nicht zusammenbricht.

Mir persönlich hat dieser Blick zurück zu den Wurzeln und ein bisschen mathematisches Survivaltraining jedenfalls gutgetan – und ganz nebenbei habe ich mit realem Survivaltraining auch meinen eigenen Körper wieder in Form gebracht.

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