Ich mag die alten Filme, in denen die Action im Vergleich zu heute noch sehr gemächlich über die Bühne geht. Und ich mag Revolver. Wie Harry Callahan im Film Dirty Harry besitze ich einen Smith & Wesson Mod. 29 im Kaliber .44 Magnum. Damals galt er noch als “The most powerful handgun in the world”, heute ist er längst von den gewaltigen .50er-Kalibern auf den zweiten Rang verwiesen worden. Egal – auf dem Schießstand macht das Teil einfach Lärm und Laune. Ich schieße diesen Revolver nicht trotz des enormen Rückstoßes, sondern genau deswegen!
Der Handgelenk-Griff
Wer die Waffe allerdings jemals in dem Anschlag geschossen hat, wie er in Hollywoods 70er-Jahren üblich war, wird das vermutlich nie wieder tun. Gerade bei Revolvern ist der korrekte Anschlag kritisch. Wer die Finger zu weit vorne hat, verbrennt sich unweigerlich an den im Trommelspalt austretenden, heißen Gasen.

Der berüchtigte Handgelenk-Griff ist aus biomechanischer und ballistischer Sicht eine Vollkatastrophe:
- Das Hebel-Problem: Das Handgelenk ist genau das Drehgelenk, das beim Schuss einknickt (Mündungshochschlag).
- Die Wirkungslosigkeit: Wenn du mit der Stützhand unterhalb dieses Gelenks ansetzt, stabilisierst du zwar den Unterarm, aber das Handgelenk kann sich immer noch völlig frei nach oben bewegen. Der Rückstoß hebelt die Waffe unkontrolliert hoch, anstatt abgefangen zu werden.
Wie man die Waffe richtig hält, zeigt Henning Hoffmann in seinem Blog .
Der einsatztaktische Super-GAU
Als Werkzeug für den realen Polizeieinsatz ist der Mod. 29 völlig ungeeignet. Zu Callahans Zeit war bei der US-Polizei das Kaliber .38 Special der Standard. Diese Patrone hat zwei fundamentale Probleme: Einerseits ist sie oft zu schwach, um einen Gefährder wirksam und sofort zu stoppen. Andererseits bietet der übliche Dienstrevolver nur sechs Schuss, bevor mühsam nachgeladen werden muss.
Der Wechsel auf die .44 Magnum löst das Problem jedoch nicht, sondern verkehrt es ins Gegenteil:
Das Problem der Überpenetration: Ein Geschoss aus einer .44 Magnum geht buchstäblich durch Wände und völlig unbeeindruckt durch den Körper des Gegners hindurch. Im schlimmsten Fall verletzt oder tötet es unbeteiligte Personen im Hintergrund.
Auch wenn Harry Callahan im Film eine Menge Kollateralschaden in Kauf nimmt: Die moderne Einsatzdoktrin der Polizei verlangt primär, Unbeteiligte zu schützen – und nicht, Deckungen zu durchschlagen.
Der Sechs-Schuss-Bluff
Zumal die Taktik im Film ohnehin auf reinem Gottvertrauen basiert.

Callahan entscheidet grundsätzlich jedes Feuergefecht mit den exakt sechs Kugeln in der Trommel. Taktisches Nachladen oder der Einsatz von Speedloadern scheint für ihn ein Fremdwort zu sein. Das mechanische Defizit der Waffe wird im Drehbuch einfach durch markige Sprüche ersetzt: “Do I feel lucky?” Im echten Leben funktioniert dieser Bluff genau einmal – danach entscheidet die Realität des Nachladens über Leben und Tod. In der Situation (der Gegner hat noch eine Flinte in Reichweite) nachladen? Das schafft vielleicht nur Jerry Miculek .
Der chronisch nervöse Zeigefinger
Ein Punkt, der beim heutigen Zuschauen fast schon körperlich wehtut, ist die katastrophale Abzugsdisziplin. In der Ära von Dirty Harry lief praktisch jeder Charakter – egal ob Gesetzeshüter oder Krimineller – permanent mit dem Finger direkt auf dem Züngel durch die Gegend. Taktisches Sichern der Waffe durch den ausgestreckten Finger am Gehäuse („Finger lang!“) existierte im Hollywood-Universum schlichtweg nicht. Jedes Stolpern, jeder Schreckmoment hätte im echten Leben unweigerlich zu einer ungewollten Schussabgabe (Negligent Discharge) geführt.

Erst ab den 90er-Jahren wurde das spürbar besser. Filme wie Terminator 2 (1991) oder das meisterhafte Heat (1995) setzten neue Maßstäbe, weil die Schauspieler von echten Militär- und Spezialeinsatz-Beratern trainiert wurden. Heute achten Regisseure und Stunt-Koordinatoren penibel darauf, weil ein fehlender „langer Finger“ einen Film für sachkundige Zuschauer sofort unglaubwürdig macht. Callahan und seine Zeitgenossen hatten diesen Luxus der Professionalität damals noch nicht.
Fazit
Ja klar, am Ende ist es nur ein Film. Allerdings sterben Hollywood-Mythen nie, und ihre Darstellung beeinflusst ganz konkret das reale Verhalten – sowohl auf dem Schießstand als auch in der Politik. Als Aufsicht beim Schießen sehe ich diesen berüchtigten Handgelenk-Griff tatsächlich auch heute noch gelegentlich. Da schlägt die visuelle Prägung aus alten Actionfilmen im Kopf der Schützen gnadenlos das biomechanische Grundwissen. Die Politik verbietet oder reguliert Schalldämpfer, weil Hollywood uns seit Jahrzehnten einredet, dass eine Pistole damit nur noch unhörbar “Pfft-Pfft” macht und den perfekten Auftragsmord ermöglicht. Dass die Dinger im echten Leben primär dem Gehörschutz dienen und ein Schuss selbst mit Dämpfer meistens immer noch weit über 130 Dezibel laut ist, geht in der Gesetzgebung völlig unter.
Der Mythos von Dirty Harry zieht eben bis heute seine Kreise – ballistisch und rechtlich fragwürdig, aber popkulturell absolut unsterblich.
- Dirty Harry (1971)
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