Das Projekt ist eigentlich gnadenlos am Ende und sowohl Auftraggeber (Kunde) als auch Dienstleister (vertreten durch den Projektleiter) denken über Lösungen nach. Eine rationale Lösung wäre, das Projekt einzustampfen und noch einmal ganz von vorne zu beginnen. Trotzdem haben beide Seiten dann das Gefühl, gescheitert zu sein und das Gesicht zu verlieren. Für die folgenden Erklärungen bleiben wir, wie in diesem Blog gewohnt, auf der rationalen Ebene, denn im Gegensatz zur Psychologie liefert die Mathematik Wahrheiten mit Ewigkeitsanspruch.
Das Dilemma
Das Szenario lässt sich hervorragend als Nicht-kooperatives Spiel mit vollständiger Information modellieren. Da beide Seiten wissen, dass das Projekt tot ist, es aber nicht aussprechen, befinden wir uns in einem klassischen Koordinationsproblem, das Ähnlichkeiten mit dem Gefangenendilemma oder dem Starrsinn-Spiel (Game of Chicken ) aufweist.
Nennen wir den Zustand, in dem das Projekt gescheitert ist, beide es wissen, aber weiterarbeiten, das “Zombie-Projekt”. Beide Spieler haben zwei Strategien:
- Eingestehen (E): Das Scheitern offenlegen und den Abbruch einleiten.
- Verheimlichen (V): So tun, als liefe alles nach Plan (Status Quo wahren).
Je nachdem wie das Spiel ausgeht, warten auf die Beteiligten virtuelle Auszahlungen – die Zahlen sind willkürlich, aber notwendig um das Spielergebnis zu quantifizieren. Dann kann man folgende Tabelle aufstellen:

Wir modellieren eine Situation, in der ein einseitiges Geständnis sofortige Sanktionen nach sich zieht. Sobald eine Partei „die Hosen runterlässt“, reagiert die Gegenseite opportunistisch: Gesteht der Projektleiter das Scheitern, nutzt der Kunde dies zur asymmetrischen Schuldzuweisung, um die eigene Bilanz zu schützen. Da dies wechselseitig gilt, wird das Verheimlichen zur dominanten Strategie. Das Ergebnis ist ein stabiles, aber destruktives Gleichgewicht, in dem beide Akteure ihre Reputation kurzfristig schützen, während das Projekt langfristig verblutet.
Nash-Gleichgewicht und dominante Strategie
Die Spieltheorie hat einige zentrale Fachbegriffe, die wir hier schnell erklären wollen; diese tauchen immer wieder auf und merken lohnt sich.
Ein Nash-Gleichgewicht liegt vor, wenn kein Spieler seine Situation durch einen strategischen Alleingang verbessern kann, vorausgesetzt die Strategie des Gegners bleibt gleich.
Eine Strategie (im Beispiel Eingestehen oder Verheimlichen ) heißt dominant, wenn sie für einen Spieler immer das beste Ergebnis liefert, egal was der andere Spieler tut.
Warum das Zombie-Projekt ein Nash-Gleichgewicht sein kann
Obwohl (V, V) die niedrigste Gesamtauszahlung hat, verharren Projekte dort, wenn die individuellen Kosten des Eingestehens zu hoch sind:
- Sunk Cost Fallacy: Da bereits massiv investiert wurde, korrigiert man die Erwartungshaltung nach unten, statt abzubrechen.
- Signaling & Reputation: Der Projektleiter fürchtet um Folgeaufträge; der Kunde (als Manager) fürchtet um seine Karriere innerhalb der eigenen Organisation.
- Asymmetrische Anreize: Solange der PL weiter fakturieren kann und der Kunde im Unternehmen noch Budget hat, “kostet” das Weitermachen heute weniger als der massive Konflikt eines Abbruchs heute.
Das Problem ist hier oft ein Eskalationsspiel. Mathematisch lässt sich der Nutzen $U$ über die Zeit diskontieren:
$$U(V,V)_t = \sum_{i=t}^{n} \delta^i \cdot (-c)$$Wobei $c$ die laufenden Kosten und $\delta$ der Diskontfaktor ist. Solange der “Schmerz” des Abbruchs in $t=0$ größer ist als die summierten, kleinteiligen Verluste der Fortführung, wird niemand den ersten Schritt machen. Das pathologische Gleichgewicht entsteht so: Solange der einmalige Schlag beim Eingestehen heute größer erscheint als die (diskontierte) Summe der täglichen Qualen im Zombie-Modus, wird rational weiter gelogen. Man “hofft” mathematisch darauf, dass $n$ (das Ende) nie eintritt oder man bis dahin nicht mehr im Projekt ist.
Die Lösung?
Aus dem Off der „Apollo 13“-Mission hallt noch immer der Ruf von Gene Kranz nach:
Failure is not an option.
Das ist eine überlebensnotwendige Maxime, wenn es darum geht, drei Menschenleben aus dem Orbit zu retten. In der IT-Welt jedoch führt dieses Dogma in die Irre. Hier sind die Gründe für ein Scheitern meist banal: Der Markt hat sich gedreht oder neue Technologien machen den aktuellen Ansatz obsolet. Anstatt der ökonomischen Vernunft zu folgen – keine guten Ressourcen schlechten hinterherzuwerfen (Sunk Cost Fallacy) – verharren Manager oft im Kranz-Modus. Sie verwechseln strategische Kurskorrektur mit persönlichem Versagen.
Das Verharren im Zombiemodus ist das Resultat einer Bestrafungskultur. Um das pathologische Gleichgewicht zu brechen, müssen wir die Auszahlungsmatrix strukturell verändern. Wenn man Scheitern als valides Ergebnis akzeptiert (Fail Fast), sinken die Kosten für das Eingestehen dramatisch; $(E)$ wird zur dominanten Strategie.
Damit das Nash-Gleichgewicht von $(V, V)$ zu $(E, E)$ wandert, müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:
- Senkung der Kosten für $(E)$: Ein “Post-Mortem” ohne Schuldzuweisungen (Blame-free Culture). Das Eingestehen darf nicht das Karriereende bedeuten.
- Erhöhung der Kosten für $(V)$: Wenn das bewusste Verheimlichen eines Scheiterns später härter sanktioniert wird als das Scheitern selbst, verliert die Strategie des Verheimlichens ihren Reiz.
- Belohnung von Opportunitätskosten-Stopps: Wer ein totes Projekt frühzeitig beendet, um Ressourcen für ein Erfolgversprechenderes frei zu machen, muss als “Held” der Effizienz gelten, nicht als “Abbrecher”.
Fazit
IT-Projekte unterscheiden sich grundsätzlich von Rettungsmissionen im Weltall. Wenn wir Scheitern als Input begreifen, müssen wir auch nicht mehr so tun, als hätten wir alles unter Kontrolle, während die Triebwerke keinen Schub mehr liefern. In einem gesunden System ist das Ende eines toten Projekts kein Absturz, sondern die Zündung für das nächste. Oder, wie Winston Churchill es formuliert hatte:
Erfolg besteht darin, von Misserfolg zu Misserfolg zu schreiten, ohne den Enthusiasmus zu verlieren.
Quellen und Links
- Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen.
- Christian Rieck: Spieltheorie: Eine Einführung
- Spieltheoretische Analysen auf Youtube von Prof. Dr. Christian Rieck
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