In der Solothurner Fußgängerzone stand ein Infostand. Sympathische junge Leute versuchten, ihre Weltanschauung unter die Leute zu bringen. Ihr Kernsatz:
„Der Mensch stammt nicht vom Affen ab.“
Wer The Ancestor’s Tale von Richard Dawkins gelesen hat, wird dem sofort zustimmen – wenn auch aus völlig anderen Gründen. Der heutige Mensch (Homo sapiens) stammt nicht von heute lebenden Affen ab, aber wir haben einen gemeinsamen Vorfahren mit dem Schimpansen (Pan troglodytes). Evolutionsbiologen sprechen hier von einer monophyletischen Gruppe.
Das Faszinierende an Dawkins’ Werk ist die rückwärts erzählte Geschichte der Evolution. Mit einer sprachlichen Präzision, die mancher eher einem deutschen Ingenieur als einem britischen Biologen zuschreiben würde, führt er uns zu den „Concestors“ – jenen Kreuzungspunkten der Zeit, an denen sich unsere Wege mit unseren Cousins trafen.
Während Dawkins uns die Landkarte dieser Reise zeichnet, liefert der Biologe Humberto Maturana die Mechanik dazu. Er spricht von der phylogenetischen Drift. Evolution ist kein Design-Prozess mit einem Ziel vor Augen, sondern ein zielloses Treiben. Wir sind nicht hier, weil wir geplant waren, sondern weil unsere Vorfahren in jedem Augenblick ihrer Geschichte die zwei Grundregeln des Lebens befolgt haben: Nicht aufzuhören zu existieren und sich nicht von der Umwelt abzukoppeln. Wir sind das vorläufige Ergebnis einer milliardenjährigen Drift – ein faszinierendes, ungeplantes Nebenprodukt der Thermodynamik.
Evolution vermessen
Während die Missionare in der Fußgängerzone von Solothurn noch über „Design“ rätseln, rechnet die Molekularbiologie nach. Die genetische Triangulation erlaubt es uns, das Genom längst ausgestorbener Vorfahren zu rekonstruieren, ohne einen Tropfen ihres Blutes zu besitzen. Wir vergleichen die DNA-Sequenzen der heute lebenden Verwandten. Finden wir identische „Fehler“ in der DNA von Mensch, Schimpanse und Gorilla, zeigt der mathematische Vektor unmissverständlich auf einen gemeinsamen Ursprung. Es ist die Forensik der Evolution: Der Concestor hinterlässt seinen Fingerabdruck in uns allen.
Das GULO-Gen
Fast alle Säugetiere produzieren ihr eigenes Vitamin C. Primaten (wir, Schimpansen, Gorillas) können das nicht, weil das GULO-Gen defekt ist.
Der Mensch hat das GULO-Gen an Stelle X, aber mit einem spezifischen Defekt (einer Deletion). Der Schimpanse hat exakt denselben Defekt an exakt derselben Stelle. Ebenso der Gorilla.
Es ist statistisch unmöglich, dass drei verschiedene Arten zufällig den identischen Defekt an derselben Stelle durch unabhängige Mutationen erleiden. Die Triangulation zwingt uns zu dem Schluss: Der gemeinsame Vorfahre (Concestor) muss diesen Defekt bereits erlitten haben, bevor sich die Linien trennten.
Aber wie kann man die entstandene Komplexität durch reinen Zufall erklären? Mit kumulativer Selektion! In The Blind Watchmaker beschreibt Dawkins das „Weasel-Programm“. Er lässt einen Computer zufällige Buchstabenketten generieren, um den Satz „METHINKS IT IS LIKE A WEASEL“ (Shakespeare) zu erreichen. Der Algorithmus behält bei jedem Durchgang die Buchstaben, die bereits an der richtigen Stelle sitzen, und mutiert nur den Rest. Ergebnis: Der Satz wird in Millisekunden (meist unter 100 Generationen) „erwürfelt“:
time python weasel.py
Gen 10: LEBHUNUIPIHFMH LI YA WFYTE (Fitness: 11)
Gen 20: LEJHINUJPITYMV LI A WRYSE (Fitness: 15)
Gen 30: MEMHINPJDIT MS LIKF A WRASE (Fitness: 20)
Gen 40: METHINPJOIT MS LIKE A WEASEL (Fitness: 24)
Gen 50: METHINRJ IT IS LIKE A WEASEL (Fitness: 26)
Gen 60: METHINRR IT IS LIKE A WEASEL (Fitness: 26)
Gen 70: METHINOS IT IS LIKE A WEASEL (Fitness: 27)
Gen 80: METHINRS IT IS LIKE A WEASEL (Fitness: 27)
Gen 90: METHINPS IT IS LIKE A WEASEL (Fitness: 27)
Gen 94: METHINKS IT IS LIKE A WEASEL (Fitness: 28)
python weasel.py 0,05s user 0,01s system 99% cpu 0,059 total

Schöpfer des Universums
Nehmen wir für einen Moment an, ein Wesen hätte das Universum tatsächlich erschaffen. Nach allem, was wir heute wissen, ist die Lichtgeschwindigkeit $c$ nicht bloß ein Tempolimit für Materie, sondern die fundamentale Grenze der Kausalität.Da sich das Universum ausdehnt, entsteht ein kausaler Horizont. Für einen Schöpfer, der „außerhalb“ dieses Systems steht, bedeutet das: Ab dem Moment der ersten Expansion gibt es keinen Rückkanal. Mathematisch lässt sich diese Grenze mit der Minkowski-Metrik beschreiben:
$$ds^2 = c^2 dt^2 - dx^2 + dy^2 + dz^2$$Sobald das Intervall $ds^2 < 0$ wird, sind zwei Ereignisse „raumartig“ getrennt. Das ist das physikalische Urteil über jedes Wunder: Es gibt keine Möglichkeit der Beeinflussung. Information kann diese Distanz nicht überbrücken.

Ein Gott, der sich hinter den abstrakten Geheimnissen der Singularität verbirgt, mag für den Philosophen schwer zu fassen sein. Doch der Gott der Kreationisten, der Fossilien vergräbt und DNA-Sequenzen fälscht, um unseren Glauben zu „prüfen“, ist eine schlicht widerlegte Hypothese. Er scheitert nicht an metaphysischen Fragen, sondern an der harten Realität der molekularen Uhr und der Metrik der Raumzeit.
Wer Gott in den Quellcode der Natur schreibt, macht ihn angreifbar für die Wahrheit.
- Geschichten von der Entstehung des Lebens von Richard Dawkins
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