Die Curta: Mathe-Granate ohne Akku (1948–1972)
Stell dir eine Pfeffermühle vor, die Wurzeln zieht. Die Curta war die kleinste mechanische Rechenmaschine der Welt, und sie hatte eine Eigenschaft, die kein Taschenrechner von Texas Instruments je haben wird: absolute Präzision. Keine Rundungsfehler. Keine Gleitkomma-Überraschungen. Kein IEEE 754, das dir erklärt, warum 0.1 + 0.2 nicht 0.3 ist.

Das Ding funktionierte auf dem Mond, in der Wüste, im Regen. Keine Batterien, kein Firmware-Update, kein Bricking. Curt Herzstark hat sie im KZ Buchenwald entworfen – als Geschenk an den Lagerkommandanten für den erwarteten Endsieg. Man kann nicht behaupten, dass der Entstehungskontext nicht dramatisch genug wäre.
Gestorben ist sie, weil ein Chip aus Sand billiger ist als Schweizer Feinmechanik.
Der Apollo Guidance Computer: 4 KB zum Mond (1966–1972)
4 Kilobyte RAM. Viereinhalb davon hat heute dein Cookie-Banner. Und damit haben sie Menschen auf den Mond geflogen. Nicht „proof of concept auf dem Mond" – richtig geflogen, gelandet, wieder zurück.
Das Team um Margaret Hamilton hat dabei nebenbei Priority Scheduling erfunden. Als beim Anflug auf die Mondoberfläche der berühmte 1202-Alarm kam – Rechner überlastet – hat das System nicht panisch den Bluescreen geworfen, sondern die unwichtigen Tasks rausgeschmissen und die Landesteuerung weiter berechnet. Dein Laptop schafft das nicht mal mit einem Browser-Tab und Slack gleichzeitig.
Danach wurde alles „leistungsfähiger". Und gleichzeitig fragiler, aufgeblähter und weniger tolerant gegenüber dem, was in der echten Welt passiert: Fehler.
VMS: Das OS, das nie abstürzt (1977–heute, irgendwo)
VMS hatte Dateiversionierung eingebaut. Im Dateisystem. Nativ. REPORT.TXT;1, REPORT.TXT;2, REPORT.TXT;3. Jedes Speichern eine neue Version, sofort wiederherstellbar. Das war 1977. Wir haben 2026 und feiern Git wie die zweite Ankunft des Messias.
VMS-Cluster liefen über Kilometer hinweg und hatten Uptimes, die in Jahrzehnten gemessen wurden. Nicht Tagen. Nicht Monaten. Jahrzehnten. Kein Kubernetes-Cluster hat das je geschafft, und Kubernetes hat tausendmal so viele YAML-Dateien.
Warum nutzt es keiner mehr? Weil die Hardware von DEC ein Vermögen kostete und die Welt sich für „billig und meistens okay" entschieden hat.
HP RPN-Rechner: Warum Klammern für Anfänger sind (1979–ca. 1993)
Die HP-41C war kein Taschenrechner. Sie war ein Statement. RPN – Umgekehrte Polnische Notation – heisst: Du gibst erst die Operanden ein, dann den Operator. Keine Klammern, keine Vorrangregeln, kein Raten, was der Rechner gerade tut. Du baust dir deinen Ausdruck auf dem Stack auf wie ein Erwachsener.
Dazu Tasten, die sich anfühlten, als hätte jemand über ihr haptisches Feedback nachgedacht. Erweiterbar durch Hardware-Module.

Die Schweizer Firma SwissMicro stellt den DM-42 her. Für alle, die nicht auf das HP-Feeling verzichten wollen. Und dazu noch mit höherer Präzision als alle anderen Taschenrechner.
SGI IRIX: Unified Memory, bevor Apple es cool fand (1982–2006)
Silicon Graphics hatte Unified Memory Architecture, als der Rest der Welt noch ISA-Karten in Slots fummelte. IRIX war auf Grafik- und Video-Durchsatz getrimmt, als PCs noch stolz auf 256 Farben waren. Jedes Jurassic-Park-Rendering, jedes Terminator-2-Morphing lief auf SGI-Kisten.

Dann kamen NVIDIA-Karten für 300 Dollar, die „gut genug" waren. Und „gut genug" ist der Todfeind von „exzellent". Die O2 war ein Kunstwerk. Dein Gaming-PC ist ein beiger Kasten mit RGB-Beleuchtung.
SadS statt SaaS: Software auf dem Schulhof (ca. 1982–1990)
Bevor es Torrents gab, gab es den Schulhof. Du hast deine 5¼-Zoll-Diskette getauscht wie Panini-Bilder. Software war ein physisches Ding, das dir gehörte. Du konntest es anfassen, kopieren, weitergeben. Niemand konnte dir dein Spiel remote deaktivieren, weil ein Lizenzserver in Irland beschlossen hat, dass dein Abo abgelaufen ist.
Das war die Geburtsstunde der digitalen Vernetzung. Peer-to-Peer, nur halt mit Turnschuhen statt TCP/IP. Sneakernet im wörtlichen Sinn.
Richard Stallman hat das so kommentiert: Die Software-Industrie nannte das Piraterie und vergleiche somit Menschen, die Informationen teilen, mit Verbrechern, die Schiffe plündern und Andere töten.
GEM: Die GUI, die Apple zu Tode klagte (1985–ca. 1992)
GEM von Digital Research brachte eine brauchbare grafische Oberfläche auf den Atari ST und auf PCs – zu einer Zeit, als Windows noch ein schlechter Witz war. Wer in den 80ern DTP gemacht hat, hat das auf dem Atari mit GEM und Calamus gemacht, nicht auf einem Mac.
Dann kam Apple mit einer „Look and Feel"-Klage und zwang Digital Research, GEM so weit zu kastrieren, dass es funktional ein Rollstuhl wurde. Nicht weil GEM Code von Apple geklaut hätte – sondern weil es zu ähnlich aussah. Das war die Zeit, als Firmen anfingen, Pixel-Arrangements als geistiges Eigentum zu beanspruchen.
NeXTSTEP: Wo das Web geboren wurde (1989–1997)
Steve Jobs hat nach seinem Apple-Rauswurf mit NeXT ein System gebaut, das seiner Zeit so weit voraus war, dass es kommerziell scheitern musste. Objektorientiert bis in die Knochen, Unix-basiert, mit einer Entwicklungsumgebung, die Interface Builder hiess und tatsächlich funktionierte.
Tim Berners-Lee hat auf einer NeXT-Kiste am CERN den ersten Webserver und den ersten Webbrowser geschrieben. Das World Wide Web ist auf NeXTSTEP entstanden. Nicht auf Windows, nicht auf Mac OS, nicht auf Linux.
Apple hat NeXT 1997 gekauft und die Architektur in macOS verwurstet. Die DNA lebt weiter – NS-Präfixe in Cocoa-APIs sind das Fossil. Aber die puristische Eleganz des Originals? Unter Schichten von Consumer-Bling begraben.
Solaris Zones & SMF: Container und Service-Management vor dem Hype (2004–2017)
Wenn heute jemand „Container" sagt, meint er Docker. Ein Tool, das 2013 erschien und Linux-Namespaces und cgroups in ein hübsches CLI verpackte. Standing Ovations, Revolution, Disruption. Nur: Sun Microsystems hatte das Gleiche schon 2005 in Solaris 10 eingebaut. Und zwar richtig.
Solaris Zones waren OS-Level-Virtualisierung mit einem entscheidenden Unterschied zu Docker: Sie waren von Anfang an als Produktions-Feature konzipiert, nicht als Entwickler-Spielzeug, das man später irgendwie absichern musste. Eine Zone war ein vollständiger, isolierter Solaris-Instance mit eigenem Netzwerk-Stack, eigenen Nutzern, eigenen Dateisystemen – aber sie teilte sich den Kernel mit der Global Zone. Klingt bekannt? Ja. Nur dass Zones von Tag eins ein Sicherheitsmodell hatten, das den Namen verdiente. Kein Root-Breakout, weil jemand vergessen hat, --privileged wegzulassen. Kein Image-Pull von Docker Hub, wo jeder zweite Container eine Krypto-Mining-Malware mitbringt.
Und dazu ZFS als Dateisystem darunter. Copy-on-Write-Snapshots für Zones in Sekundenbruchteilen. Rollback? Ein Befehl. Kein Dockerfile-Rebuild, kein Layer-Cache-Invalidierung, kein „works on my machine". Du hast den Zustand deiner Zone zu jedem Zeitpunkt deterministisch wiederhergestellt.
Dann SMF – das Service Management Framework. Solaris 10 hat 2004 den gesamten Init-Prozess neu gedacht. Jeder Service wurde als Objekt mit definierten Abhängigkeiten, Start-Methoden, Restart-Policies und einem persistenten Zustandsmodell verwaltet. svcs -a zeigte dir den Zustand jedes Services. svcs -x erklärte dir, warum ein Service nicht lief – nicht „Unit failed", sondern die ganze Abhängigkeitskette bis zum eigentlichen Problem.
Systemd kam zehn Jahre später und hat vieles davon nachgebaut. Wo SMF deklarativ und orthogonal war, ist systemd ein monolithischer Krake, der sich in DNS, Logging, Netzwerk, Boot, Container-Runtime, Home-Verzeichnisse und Zeitsynchronisation gleichzeitig reingefressen hat. Lennart Poettering hat das Unix-Prinzip „Do one thing well" durch „Do everything, badly" ersetzt. SMF hatte ein sauberes XML-Manifest pro Service – ja, XML, aber konsistentes XML. Systemd hat Unit-Files, die aussehen wie INI-Dateien, sich aber wie eine Turing-Maschine verhalten, wenn man die Escaping-Regeln für ExecStart= durchliest.
Der eigentliche Witz: SMF-Services waren restartable by design. Wenn ein Service abschmierte, hat SMF ihn basierend auf seinem Abhängigkeitsgraphen neu gestartet – oder in Maintenance geschickt, mit einer klaren Diagnose. Systemd macht das auch, manchmal. Wenn die WantedBy=- und After=-Direktiven richtig gesetzt sind. Und wenn Type=notify vs. Type=forking nicht gerade das Timing zerlegt. Und wenn der Journal-Daemon nicht selbst in einer Restart-Schleife hängt.
Sun ist 2010 von Oracle geschluckt worden, und Oracle hat Solaris die gleiche Behandlung gegeben wie allem, was es anfasst: Lizenzpreise verdreifachen, Community vergraulen, dann wundern warum niemand mehr mitmacht. illumos lebt als Fork weiter, SmartOS und OmniOS halten die Fackel hoch – aber gegen die Docker/Kubernetes-Walze hat ein technisch überlegenes Nischenprodukt keine Chance.
Analogrechner: Physik statt Nullen und Einsen (1940er–heute Renaissance)
Während die ganze Welt diskret rechnet – alles in Bits zerhackt, quantisiert, abgetastet – rechnen Analogrechner mit kontinuierlichen Spannungen. Keine Sampling-Artefakte, kein Quantisierungsrauschen, und vor allem: die Lösung steht sofort am Oszilloskop. Du steckst die Differentialgleichung als Schaltung zusammen, drehst am Koeffizienten-Poti, und siehst in Echtzeit, was passiert.
Das ist kein Retro-Fetisch. Für die Simulation dynamischer Systeme sind Analogrechner um Grössenordnungen energieeffizienter als digitale Supercomputer. Bernd Ulmann baut mit „The Analog Thing" moderne Analogrechner und hat mit seinen Büchern (Analog Computing, Analog Computer Programming) die Grundlagenarbeit geleistet, damit wir die Physik des Rechnens nicht komplett vergessen.
Warum sind sie fast verschwunden? Weil Software flexibler ist als Kabel stecken. Und weil „flexibel" in unserer Branche immer über „effizient" gewinnt – bis die Stromrechnung kommt.

Nein, ich will kein ISDN zurück
Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich will nicht zurück. Niemand will zurück. Ich will nicht mit 64 kbit/s eine JPEG-Datei laden und dabei zusehen, wie sie zeilenweise aufbaut. Ich will nicht für ein Ortsgespräch 8 Pfennig pro Minute zahlen und für ein Ferngespräch einen Kredit aufnehmen. Ich will keine Langstreckenflüge ohne Noise-Cancelling-Kopfhörer und kein Autofahren ohne Navi.
Es ist grossartig, dass ich unterwegs 4K-Video streamen kann. Es ist grossartig, dass ich mit einem Gerät in der Hosentasche auf das gesamte Wissen der Menschheit zugreife – und es stattdessen nutze, um Katzenvideos zu schauen. Es ist grossartig, dass ich mit SSH in Sekunden auf einer Maschine am anderen Ende der Welt bin, statt mit einem Akustikkoppler und 300 Baud durch die Telefonleitung zu pfeifen.
Vieles ist heute objektiv besser. Aber – und das ist der Punkt – „mehr Bandbreite" ist nicht dasselbe wie „bessere Architektur". „Schnellere CPUs" ist nicht dasselbe wie „effizientere Software". Und „mehr Features" ist definitiv nicht dasselbe wie „besser gelöst". Wir haben bei der Rohleistung massiv zugelegt. Bei der Eleganz, der Robustheit und dem Respekt vor den Ressourcen haben wir genauso massiv abgebaut. Die Frage ist nicht: „War früher alles besser?" War es nicht. Die Frage ist: „Warum haben wir bestimmte Dinge verlernt, die wir schon konnten?"
Jede einzelne dieser Technologien war in ihrem Kernproblem besser als das, was wir heute benutzen. Präziser, stabiler, effizienter, eleganter. Und jede einzelne ist dem gleichen Muster zum Opfer gefallen: Sie wurde nicht von etwas Besserem abgelöst, sondern von etwas Billigerem. Oder von etwas, das „gut genug" war und sich besser skalieren liess.
Worse is better. – Richard Gabriel
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